Der Radikale Konstruktivismus in der praktischen Anwendung

Radikaler Konstruktivismus, Schauspiel und Friedensforschung

(Letzte Aktualisierung: 5.1.2010)

 

 

Im heutigen Kommunikationszeitalter hat die Kommunikations- und Realitätsforschung einen hohen Stellenwert. Deshalb gehören die Erkenntnisse des Radikalen Konstruktivismus (RK) heraus aus der Nische der Philosophie und hinein ins Handeln der Menschen!

Paul Watzlawick schreibt in seinem Buch „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ folgendes:
„Dieses Buch handelt davon, dass die sogenannte Wirklichkeit das Ergebnis von Kommunikation ist. Diese These scheint den Wagen vor das Pferd zu spannen, denn die Wirklichkeit ist doch offensichtlich das, was wirklich der Fall ist, und Kommunikation nur die Art und Weise, sie zu beschreiben und mitzuteilen.

"Bleep"   Wie funktioniert Realität - Dokumentarfilm 

Es soll gezeigt werden, dass dies nicht so ist; dass das wacklige Gerüst unserer Alltagsauffassungen der Wirklichkeit im eigentlichen Sinne wahnhaft ist, und dass wir fortwährend mit seinem Flicken und Abstützen beschäftigt sind – selbst auf die erhebliche Gefahr hin, Tatsachen verdrehen zu müssen, damit sie unserer Wirklichkeitsauffassung nicht widersprechen, statt umgekehrt unsere Weltschau den unleugbaren Gegebenheiten anzupassen.

Es soll ferner gezeigt werden, dass der Glaube, es gäbe nur eine Wirklichkeit, die gefährlichste all dieser Selbsttäuschungen ist; dass es vielmehr zahllose Wirklichkeitsauffassungen gibt, die sehr widersprüchlich sein können, die alle das Ergebnis von Kommunikation und nicht der Widerschein ewiger, objektiver Wahrheiten sind...
Wie wir sehen, wird die erfundene Wirklichkeit zur wirklichen Wirklichkeit nur dann, wenn die Erfindung geglaubt wird. Wo das Element des Glaubens fehlt, bleibt sie wirkungslos. Mit dem Verständnis der sich selbst erfüllenden Prophezeiung wächst auch unsere Fähigkeit, sie zu...“
  durchschauen und zu nutzen.

Wir erzeugen unsere Welt, wir entdecken sie nicht. Die Konstruktionen, die wir von der Welt und uns errichten, beherrschen uns! Dies geht weit über den sozialen Bereich hinaus. Wir können uns durch unsere eigenen Ideen zu Sklaven und Spielverderbern machen und wir tun dies. Es geht darum, den festgefahrenen, eingeschränkten Wahrheits- und Wirklichkeitsraum zu erweitern und der Versuchung des Möglichen nachzugeben!

Was ist also Wirklichkeit? Wirklichkeit ist Gemeinschaft. Dinge sind erst dann real, wenn sich eine Gemeinschaft von Menschen darauf geeinigt hat. Was in uns wahrnimmt und denkt, ist also gar nicht ein freies und objektives Ich, sondern die soziale Gemeinschaft und teils archaische oder sture Kultur, der wir angehören. Wenn sich also eine Gemeinschaft auf ein anderes Wirklichkeitssystem mit anderen Spielregeln, auf eine andere Perspektive einigen würde, dann wird auch dieses wirklich und wahr.

Eine wirklich unglaubliche These. Doch das glauben und behaupten nicht nur merkwürdige Autoren und Philosophen, sondern auch „anständige“ Naturwissenschaftler wie Psychologen, Pädagogen, Kybernetiker und Neurobiologen.

Die Fakten über irrtümliche Wahrheiten, die der Konstruktivismus offen legt, sind dem Mainstream bisher leider unbekannt. Dies ist bei der Wichtigkeit dieses Themas, das jeden Menschen und sein Selbstbild fundamental betrifft, ein schwerwiegender Mangel, den es zu beheben gilt! Den Blick meist fest in den Rückspiegel gerichtet, übersehen wir fast vollständig die neuen Möglichkeiten und Wege, die wir nehmen könnten.

Der Radikale Konstruktivismus erschließt heute praktische Möglichkeiten in der Friedensforschung, Sozialforschung, systemischen Therapie, Pädagogik und Psychologie. Die Zukunft des Radikalen Konstruktivismus liegt in der interdisziplinären Zusammenarbeit und in der praktischen Anwendung!

Der Radikale Konstruktivismus beweißt, dass unsere kommunikative Wirklichkeit eine Realität ist, deren innerem Kern die Wahrheit fehlt. Ist dies nicht einem ungedeckten Scheck vergleichbar, der nur deshalb gültig ist, weil wir kollektiv daran glauben? Nennt man eine solche Art von Inszenierung, die real ist, obwohl der Kern von Wahrheit fehlt, nicht ein Schauspiel? Und wenn Realität aus dieser Perspektive betrachtet Schauspiel ist, ist dann nicht im Umkehrschluss Schauspiel Realität? Bestimmt nicht lediglich eine gesellschaftliche Abmachung was Ernst und was Spiel ist? Könnten wir diese Abmachung nicht alle zusammen nun bewusst und willentlich ausführen, ähnlich wie es der Schauspieler macht, wenn er Realität inszeniert?

Viele Leute haben manchmal die Wahrnehmung, als ob sie Schauspieler wären, die ihr Leben, oder Teile davon inszenieren. Der Soziologe Erving Goffmann beschreibt dies mit dem Buch: "Wir Alle spielen Theater". Wenn uns dies wirklich bewusst wird und der Radikale Konstruktivismus bekannt ist, dann steht es offen, dass wir zu potentiellen Regisseuren unserer Möglichkeiten und Wünsche werden. Wirklichkeit "a la Carte" ist möglich, wenn eine ganze Gruppe, also ein ganzes System mitspielt.

Das Gedankenmodell des Radikalen Konstruktivismus und die praktischen Methoden des Schauspielunterrichts passen ideal zusammen und eröffnen einen völlig neuen Weg des menschlichen Handelns und der menschlichen Selbstwahrnehmung.

Hierzu möchten wir einen radikalen Schritt wagen und im interdisziplinären Modell-Projekt RealTheater zeigen, dass willentlich konstruierte Realität zur realen Realität werden kann. So können wir z. B. mit "Best-Case Simulationen" neue Wirklichkeiten erschaffen.

Lee Strasberg: „Schauspiel ist die Fähigkeit, absolute Realität auf der Bühne zu erzeugen“

Gutes Theater mit konstruktivistischen Augen gesehen ist nicht nur realistisch, es ist real! Theaterpädagogik in guter Qualität ist eine Kunst, die unter bestimmten Umständen reale soziale Wirklichkeit konstruieren könnte.

Es gibt den Konstruktivismus erst seit knapp 40 Jahren, und die Anfänge der methodischen Schauspielschulung seit etwa 100 Jahren. Eine Kombination dieser beiden Bereiche gab es noch nie! Viele Möglichkeiten die daraus entstehen, wurden noch nie praktisch erforscht. Die Zusammenfügung des (meist nur Philosophen bekannten) Radikalen Konstruktivismus und der (nur Schauspiel-Insidern bekannten) praktischen Schauspielkunst ist ein Novum. Damit ist ein Ausstieg aus der kausalen Realität und der machbare Einstieg in eine nun selbstkonstruierte, dynamische und ästhetische Realität gemeint. Der Realität ist es egal, ob sie wie bisher historisch und kausal konstruiert wird, oder ob sie kreativ und frei konstruiert wird. Beides ist möglich!

Wir Alle sind Schauspieler! Der Planet ist eine Kugelbühne!

Dies ist nur den meisten nicht bewusst. Jeder von uns hat als Kind Schauspiel praktiziert.
Um dem Laien eine verständliche und fühlbare Einführung in die Schauspielkunst zu bieten sind normalerweise zumindest ein paar Stunden in Theorie und einige Tage in der Praxis nötig, und nicht wie hier nur einige Zeilen. Dennoch hier nun einige Grundsätze zur Schauspiel-Theorie und Methodik:

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Autor: Hans Mack 2009
(Bild oben - Orginal: M.C. Escher; Färbung und Collage: Hans Mack)